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  Vincent Hunink

Review of:

Niklas Holzberg,  Martial und das antike Epigramm, Darmstadt 2002


tekst gepubliceerd in: Mnemosyne 56,2003,755-7 


Wenigstens seit Sullivans Martial, the unexpected classic (1991) gilt Martial als ein echter Klassiker, in seinem Fall sogar als der Klassiker des antiken Epigramms schlechthin. In jüngster Zeit wird Martial mit zahlreichen neuen Studien, Einzelkommentaren und Gesamtausgaben in passendster Weise gewürdigt. Bis vor kurzem fehlte allerdings noch eine knappe Einführung in sein umfangreiches Korpus. Diese Lücke wird jetzt von Niklas Holzberg geschlossen mit einem kleinen, aber sehr nützlichen und willkommenen Band zu Martial und seinem Werk. Holzberg, der Studenten und Lesern in vergangenen Jahren schon gute Dienste geleistet hat mit vergleichbaren Abhandlungen zu Elegie, Fabel und Roman, zu Ovid und zu Catull, erweist sich auch jetzt wieder als ein zuverlässiger Führer und Lehrer.

In dem vorliegenden Bändchen führt H. den Leser auf zweifache Weise in M.s Dichtung ein. Zuerst wird sie in den Kontekst des antiken Epigramms eingeordnet, und zwar einerseits durch Rückblicke auf das griechische und römische Epigramm vor Martial, anderseits durch Ausblicke auf römische Epigramme nach ihm. (Der letztere der beiden Paragraphen enthält treffende und nützliche Beobachtungen zu den Carmina Priapeia, dem Katalepton, den Seneca zugeschriebenen Epigrammen, sowie den Epigrammata Bobiensia und den Epigrammen des Ausonius und Luxorius). Zwischen diesen beiden Abteilungen findet der Leser eine erste Einführung zu Martial, wobei namentlich auch das Liber Spectaculorum, die Xenia und Apophoreta Beachtung finden. Dieser erste Teil des Buches zählt knapp 60 Seiten, erweist sich aber als schon erstaunlich reichhaltig und inhaltsschwer: Das Epigramm ist nichts weniger als eine wichtige Gattung der antiken Literatur mit einer eigenen Tradition, die weitgehend von Martial geprägt worden ist.

Im Hauptteil der Arbeit wird M.s Hauptwerk (die Epigrammaton Libri XII) eingehend analysiert nach zwei Gesichtspunkten: Themen und Aufbau der Sammlung. Die wichtigsten Themen, die näher betrachtet werden, sind: der Kaiser, das Patronat, Typen, Witz, Intertextualität und Obszönität. Hier zeigt H. an Hand von vielen Textbeispielen (alle präsentiert in der Originalsprache nebst deutscher Prosa-Übersetzung), was für Martial typisch ist und den eigentümlichen Reiz seiner Dichtung ausmacht.

Im Vergleich zu H.s früherer Monographie zu Martial (Martial [Heidel­berg 1988]) tritt dieser hier viel mehr als ein wirklicher Literator hervor, der unverkennbar literarische Ziele verfolgt, und nicht etwa als ein Berichterstatter oder Moralkritiker seines eigenen Lebens oder der römischen Realität. Die bis jüngst in der Martial-Literatur noch gänzlich übliche biografische und historisierende Methode wird als literaturwissenschaftlich mangelhaft mit Recht beiseite gesetzt. Martials Werk ist offenkundig darauf angelegt, den Leser zu amüsieren, und es besitzt eine weit spielerischere Natur als viele Forscher anzunehmen geneigt sind. Manchmal geht H. hierin recht weit, wie z.B. im Kapitel zum Patronat, wo alle Klagen des Ichs über das elende Klientendasein als Scherz und Ironie entlarvt werden und die 'Persona' des Dichters alles verspottet, sich selbst nicht ausgenommen, oder im Kapitel über Obszönität, wo unter anderem argumentiert wird, dass Martial keine moralische Kritik zu erteilen beabsichtigt, sondern seine obszönen Bemerkungen nur zum Vergnügen der Leser einfügt, wie im Werk selbst zu lesen ist: lex haec carminibus data est iocosis / ne possint, nisi pruriant, iuuare (1,35,10-­11). Sogar moralische Empörung wird bei Martial in der Regel nur gespielt. So weitgehend diese Thesen auch scheinen mögen, H. überzeugt auch hier.

Unvermeidlich ist nicht alles in H.s Einführung gleichermassen über­zeugend. Die Abschnitte, in denen er z.B. Witze erklärt (wie immer ein enttäuschendes Verfahren) oder einige Epigramme mit griechischen Modellen des Lukillios vergleicht, führen den Leser dem Dichter nicht unbedingt näher. Auch scheint dann und wann die alte biografische Methode doch wieder in die Analyse hereinzuspielen, z.B. auf S. 81­82 zu 5,20: der Patron Julius Martialis' habe möglicherweise zwischen dem Dichter 'Martialis' und dem Kaiser 'Domitian' vermittelt. Gewiss, aber es könnte sich hier auch nur um ein literarisches Spiel mit bekannten Namen handeln, dass über eine extraliterarische Realität nicht viel aussagt. Andererseits sind gerade die Einzelbetrachtungen manchmal auch sehr einleuchtend und einfallsreich, wie auf S. 83, wo die letze Zeile von 2,89, in der nach einem ungenannten 'Fellator' gefragt wird, scherzhaft verbunden wird mit der ersten Zeile von 2,90, die anfängt mit dem Namen Quintilianus.

Die abschliessenden Abschnitte zur Struktur des Gesamtwerkes sind vermutlich weniger unmittelbar relevant für die meisten Leser, die ja nicht grundsätzlich an umfassenden Strukturfragen interessiert sind, sie enthalten aber gleichwohl interessante Beobachtungen zu Martials kom­positorischer Technik. jedes Buch erweist sich als ein sorgfältig geplantes Werk, das auch eine bestimmte, klare Position im 'Dodekalog' hat. So gehören die drei ersten, und die drei letzten Bücher eng zusam­men, und steht der Kaiser (in verschiedenen Rollen) im Mittelpunkt der Bücher 4 bis 9.

H.s Einführung darf als durchaus gelungen gelten. Der Verfasser hat es verstanden, Martial und sein Werk in einer angemessenen, modernen Weise überzeugend vorzuführen. Bei aller Kürze werden sowohl das Gesamtbild als die einzelnen Betrachtungen reichlich belegt und mit vielen Literaturhinweisen versehen, und dies nicht in beschwerlichen Anmerkungen, sondern in hilfreichen, bequemen Übersichtsparagrafen am Ende der jeweiligen Abschnitte.

Dieses Buch gehört daher in jede gute klassische Bibliothek. Vor allem Martialfreunde können H. dankbar sein: aus diesem Buch tritt Martial nicht nur als ein Klassiker hervor, sondern vor allem als ein literarischer Klassiker.


latest changes here: 30-07-2012 16:01
 


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